Preisträger 2011

Liao Yiwu | Für ein Lied und hundert Lieder

Liao Yiwu

Für ein Lied und hundert Lieder

Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen

S. Fischer Verlag
Frankfurt a.M. 2011
ISBN: 978-3-10-044813-2

Autor

Liao Yiwu, geboren 1958 in der Provinz Sichuan, ist Dichter und Romanautor. Er wuchs als Kind von Eltern »ohne dauerhafte Aufenthaltserlaubnis« in der großen Hungersnot der 60er Jahre auf und schlug sich jahrelang mit verschiedensten Tagelöhner-Jobs durch. 1989 publizierte er das Gedicht »Massaker«, in dem er das Blutbad auf dem Platz des Himmlischen Friedens anprangerte. Hierfür wurde er vier Jahre inhaftiert. 2009 erschien auf deutsch sein von der Kritik euphorisch begrüßtes Buch »Fräulein Hallo und der Bauernkaiser -- Chinas Gesellschaft von unten«, das in China, ebenso wie der Text »Für ein Lied und hundert Lieder«, verboten ist.

Nach vielen vergeblichen Versuchen wurde Liao Yiwu im Herbst 2010 eine Lesereise nach Deutschland gestattet. Er kehrte nach einigen Wochen zurück und geriet erneut unter starken Druck. Insbesondere wurde ihm untersagt, weitere Schriften im Ausland zu publizieren. Liao Yiwu entzog sich den Pressionen durch die Ausreise Anfang Juli 2011. Er lebt seitdem im Exil in Berlin. Im Jahr 2012 wurde ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen.

Begründung der Jury

Der Geschwister-Scholl-Preis wird Liao Yiwu für sein Buch „Für ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen“ verliehen. Das Manuskript dieses erschütternden, wilden und mitreißenden Buches wurde von den chinesischen Behörden mehrmals beschlagnahmt – und so musste Liao es mehrmals schreiben. Im Juni dieses Jahres hat er sich ins Exil nach Deutschland absetzen können, wo das Buch nun auch erschienen ist. Geschildert werden darin die vier Jahre der Inhaftierung des Autors von 1990 bis 1994.

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Verleihung

Der 32. Geschwister-Scholl-Preis wurde am
14. November 2011 in der Großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität in München an Liao Yiwu verliehen. Oberbürgermeister Christian Ude und Wolf Dieter Eggert, Vorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels - Landesverband Bayern e.V., überreichten als Stellvertreter der Stifter die Urkunde. Die Laudatio hielt Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller.

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Ansprache von Wolf Dieter Eggert

Magnifizenz,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrter Herr Liao Yiwu,
sehr geehrte Frau Müller,
meine sehr verehrten Damen und Herren, im Saale und aus der Jury,

mein besonderer Gruß gilt der Hauptperson unserer Feierstunde, dem diesjährigen Träger des Geschwister-Scholl-Preises, Herrn Liao Yiwu.
Ebenso herzlich begrüße ich die Schriftstellerin Herta Müller. Wir sind besonders stolz darauf und dankbar dafür, dass Sie, liebe Frau Müller, die Aufgabe übernommen haben, die Laudatio auf unseren Gast zu halten. Für diese Veranstaltung habe ich mir aus Ihrem mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Roman „Atemschaukel“ ein persönliches Motto herausgesucht.

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Ansprache von Christian Ude

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

der Geschwister-Scholl-Preis wird heute zum 32. Mal verliehen. Bei der Bezugnahme auf die Geschwister Scholl lag es nahe und wird es wohl auch in Zukunft nahe liegen, Auseinandersetzungen mit dem Unrecht des nationalsozialistischen Gewaltregimes auszuzeichnen und damit die Aufarbeitung dieser Phase deutscher Geschichte voranzutreiben. Tatsächlich hat die weit überwiegende Mehrzahl aller Autoren, die mit dem Geschwister-Scholl-Preis geehrt wurden, sich mit bisher vernachlässigten oder verdrängten Kapiteln nationalsozialistischen Unrechts auseinandergesetzt und sich mit Institutionen beschäftigt, die bisher die kritische Reflexion eigenen Versagens verweigert haben.

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Laudatio von Herta Müller

Lieber Liao Yiwu
Sehr geehrte Damen und Herrn,

Und dann kam alles anders - ich glaube mit dieser Feststellung muß man beginnen, wenn man über das Leben und die Bücher von Liao Yiwu spricht. Denn immer wieder kam alles anders.
„Ich hatte das alles schon immer verachtet,“ schreibt er, „den Staat, die Massen, die Parteien, die Bewegungen, aber ich hatte trotzdem Angst, von all dem verschlungen oder vergessen zu werden.“

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Dankesrede von Liao Yiwu

Am Ende wird die Freiheit siegen

Am frühen Morgen des 4. Juni 1989 habe ich ein langes Gedicht über die blutigen Ereignisse auf dem Platz des Himmlischen Friedens geschrieben und mir laut vorgelesen, es trägt den Titel „Massaker“ und seine letzte Zeile lautet: „Dieses Massaker überleben nur Hunde“ Ein Wort, das sich als prophetisch herausstellen sollte. Ich bin tatsächlich herabgesunken zu einem „Hund“ meines eigenen Staates und in einen Käfig gesperrt worden. Ich saß eingezwängt zwischen zwei zum Tode verurteilten Männern und fand nächtelang keinen Schlaf. Ich habe den Kopf gegen die Wand geschlagen, um mich umzubringen, ich war blutüberströmt, und meine Mitgefangenen standen um mich herum, inspizierten meine Wunden und spotteten, ich sei ein „ausgezeichneter Komödiant“.

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