Preisträgerin 1987

Christa Wolf | Der Störfall

Christa Wolf

Störfall

Nachrichten eines Tages

Hermann Luchterhand Verlag
Darmstadt Neuwied 1987
ISBN: 3-630-61777-8

Autorin

Christa Wolf wurde 1929 in Landsberg an der Warthe geboren. Nach ihrem Studium der Germanistik in Jena und Leipzig war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Deutschen Schriftstellerverband sowie bei verschiedenen Verlagen als Lektorin und Redakteurin tätig. Christa Wolf zählt zu den bedeutendsten Schriftstellerinnen der Gegenwart. Ihr umfangreiches erzählerisches Werk wurde in alle Weltsprachen übersetzt und mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet. Sie lebt mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Gerhard Wolf, in Berlin. Den Geschwister-Scholl-Preis für ihren Titel „Störfall“ bekam sie noch als „DDR-Autorin“.

Begründung der Jury

Die Schriftstellerin Christa Wolf, 1929 in Landsberg an der Warthe geboren, gilt spätestens seit dem Erscheinen ihres Romans „Nachdenken über Christa T.“ als eine bedeutende Stimme in der deutschen Literatur. Der 26. April 1986 hat auch ihr Leben in zwei Teile geteilt: vor Tschernobyl und nach Tschernobyl. Auch sie hat dieses schreckliche Wort, das vorher unbekannt war, gelernt, obwohl sie es nicht nennt. Von Juni bis September hat sie ein schmales Buch geschrieben, einen kleinen Band konziser Prosa, in dem sie die Erfahrungen dieser brutalen Lebensteilung aufgezeichnet hat: „Störfall. Nachrichten eines Tages“. Das Wort – Störfall – ist eine Verniedlichung, eine Beschwichtigung und Vertuschung, was die Sache anbetrifft, es ist ein horrendes Wort für die Erzählerin dieses leisen, privaten Monologs, der fast etwas ist, wie die Darstellung der Sprachlosigkeit angesichts des Schreckens. Dieses Buch sollte ein „Störfall“ sein im Ablauf des bequemen Denkens, des Verdrängens der Gefahr der ökologischen Katastrophe, die uns bedroht und die wir nicht wahrhaben wollen (…).

Verleihung

Am 04. November 1987 nahm Christa Wolf in der Großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität München den Preis entgegen. Oberbürgermeister Georg Kronawitter und Klaus G. Saur, Vorsitzender des Verbandes Bayerischer Verlage und Buchhandlungen (ehemaliger Name des Verbandes bis 2003), überreichten als Stellvertreter der Stifter die Urkunde.

Die Laudatio bei der feierlichen Preisverleihung hielt Herbert Rosendorfer.

Laudatio von Herbert Rosendorfer

Störfall: ein Fall, der stört. Sand im Getriebe. Eine Schraube locker, der Ablauf ist gehemmt, der Produktionsprozess gestört, ein störender Eingriff, ein störendes Ereignis. Ein Störfall liegt vor, wenn der Fall gestört ist. Alles, was der Fall ist, kann gestört werden. Störfälle werden behoben. Der erfahrene Meister öffnet den Deckel, pfeift leise, schiebt die Mütze zurück, alle einmal auf die Seite, die da nichts zu suchen haben, der erfahrene Meister greift hinein in die öligen Gedärme der Maschine: gewusst wo, nämlich wo die Schraube locker ist, die Maschine läuft wieder, der Störfall ist behoben. Störfälle werden behoben. Gibt es Störfälle, die nicht mehr behoben werden können? Zerstörfälle?

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