Preisträger 1995

Victor Klemperer | Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten

Victor Klemperer

Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten

Tagebücher 1933-1945

Aufbau-Verlag
Berlin 1995
ISBN: 003-7466-5514-5

Autor

Victor Klemperer wurde 1881 in Landsberg/Warthe als achtes Kind eines Rabbiners geboren. Er studierte Philosophie, Romanistik und Germanistik in München, Genf, Paris und Berlin, promovierte und habilitierte sich. 1912 konvertierte er zum Protestantismus. Im Ersten Weltkrieg ging er als Freiwilliger an die Front. Während des Faschismus wurde Klemperer aus seinem Lehramt entlassen und in ein Dresdner Judenhaus zwangsinterniert. Die Ehe mit einer Nichtjüdin bewahrte den Wissenschaftler vor der Deportation. Nach dem Krieg wurde Victor Klemperer ordentlicher Professor in Dresden, trat der KPD bei, war Abgeordneter des Kulturbundes in der Volkskammer der DDR und Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Berlin. Er starb 1960.

Begründung der Jury

in seinem Tagebuch, dessen Entdeckung durch die Gestapo den sicheren Tod des Gelehrten bedeutet hätte, hielt Victor Klemperer mit minutiöser Genauigkeit den unmittelbar erlebten Alltag in Dresden fest: die Entbehrungen, Demütigungen und Ausgrenzungen seiner Familie und der anderen jüdischen Mitbürger, die Frontnachrichten, Gerüchte, Witze, die Sprache der Straße und die Sprache der Propaganda, aber auch die (wenigen) heimlichen Solidaritätsbekundungen und Hilfeleistungen nichtjüdischer Mitbürger. Victor Klemperer, hochdekorierter Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg, der sich als deutscher Liberaler und Erbe der französischen Aufklärung fühlte, wurde wie viele seinesgleichen erst durch Hitler zum Juden gemacht, ließ sich aber von den Nationalsozialisten sein Deutschtum so wenig rauben wie sein großartiges Gerechtigkeitsbewusstsein oder sein ironisches Misstrauen gegen alle Formen der Re-Judaisierung und Ghettogesinnung (Nationalsozialismus, Kommunismus und Zionismus waren ihm gleichermaßen verhasst).

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Verleihung

Am 27. November 1995 nahmen Walter Nowojski, der die Aufzeichnungen herausgegeben hat und Hadwig Klemperer den Preis entgegen. Bürgermeisterin Gertraud Burkert und Christoph Wild, Vorsitzender des Verbandes Bayerischer Verlage und Buchhandlungen e.V. (ehemaliger Name des Verbandes bis 2003), überreichten als Stellvertreter der Stifter die Urkunde.

Die Laudatio bei der feierlichen Preisverleihung in der Großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität München hielt Martin Walser.

Laudatio von Martin Walser

Als ich im September und Oktober 1989 in Dresden in der Sächsischen Landesbibliothek in allen möglichen Saxoniae herumblätterte, weil ich, einer aus Dresden stammenden Romanfigur zuliebe, eine Ahnung von den Eigen- und Wesenheiten der sächsischen Geschichte erwerben wollte, hörte ich, dass in der Handschriftenabteilung die Tagebücher von Victor Klemperer lägen. Victor Klemperer habe, weil er mit einer nicht-jüdischen Frau verheiratet war, den Krieg in Dresden überstanden. Durch sein Buch LTI (Lingua Tertii Imperii) kannte ich den Namen. Ich las mich ein und hinein in seine Handschrift, die er in seiner Autobiographie selber eine "entsetzliche" nennt. Meinen aufgekratzt von der Klavierstunde kommenden zwölfjährigen Romanhelden ließ ich dann dem unter Bewachung schneeschaufelnden und vom Schneeschaufeln erschöpften Juden Victor Klemperer begegnen.

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