Preisträger 2006

Mihail Sebastian | Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt

Mihail Sebastian

Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt

Tagebücher 1935-44

Herausgegeben von Edward Kanterian

Aus dem Rumänischen von Edward Kanterian
und Roland Erb, unter Mitarbeit von Larisa Schippel

Claassen Verlag
Berlin 2005
ISBN: 3-546-00361-6

Autor

Mihail Sebastian wurde 1907 als Iosif Hechter in Braila geboren. Ab 1925 studierte er Jura in Bukarest, veröffentlichte erste Gedichte und schrieb für literarische Zeitschriften. 1932 veröffentlichte er den ersten von insgesamt vier Romanen, später war er auch als Theaterautor erfolgreich. Er starb im Mai 1945 bei einem Autounfall.

Mihail Sebastian verfasste zahlreiche Bühnenstücke, ein umfangreiches Tagebuch sowie einige Romane. Wegen seiner jüdischen Herkunft diskriminiert, wurde er erst lange nach seinem Tod 1945 in Rumänien und kürzlich auch in Frankreich wieder entdeckt, obwohl er zu Lebzeiten eng mit Autoren wie Ionesco, Eliade und Cioran befreundet war. "Der Unfall" gilt als sein bedeutendster Roman.

Begründung der Jury

Die Jury des Geschwister-Scholl-Preises spricht sich für die Aufzeichnungen des rumänischen Schriftstellers Mihail Sebastian aus, die unter dem Titel „Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt. Tagebücher 1935-44“ im Claassen Verlag erschienen sind.

Die bewegenden Tagebücher des rumänisch-jüdischen Schriftstellers Mihail Sebastian spiegeln exemplarisch das Drama des rasanten Verfalls demokratischer Strukturen und zivilisierter Sitten. Sebastian, 1907 unter dem Namen Iosif Hechter geboren, war gerade 27 Jahre alt, als er begann, in einem bereits antisemitisch grundierten Land seine Reflexionen zu den aktuellen Zeitläuften zu notieren. Die deutsch-rumänische Allianz führte dann zu Kriegszeiten auch in Rumänien von der allmählichen Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung bis zu deren Vernichtung in den Todeslagern des Ostens.

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Verleihung

Am 20. November 2006 nahmen Michèle und Dominique Hechter sowie der Herausgeber des Buches Dr. Edward Kanterian stellvertretend für ihren Onkel Mihail Sebastian den Preis entgegen. Oberbürgermeister Christian Ude und Wolf Dieter Eggert, Vorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels - Landesverband Bayern e.V., überreichten als Stellvertreter der Stifter die Urkunde. Die Laudatio hielt der Autor und Journalist Peter Hamm.

Zum Abschluss des feierlichen Festaktes las der Schauspieler Axel Milberg aus dem Buch des Preisträgers.

Ansprache von Wolf Dieter Eggert

Magnifizenz,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Frau Dominique Hechter und Frau Michelle Hechter,
sehr geehrter Herr Kanterian,
sehr geehrter Herr Hamm,
sehr geehrte Mitglieder der Jury,
sehr geehrte Damen und Herren

heute verleihen der Landesverband Bayern im Börsenverein des Deutschen Buchhandels und die Stadt München zum 27. Mal den Geschwister-Scholl-Preis. Dieser Preis, so steht es in den Statuten, wird verliehen für ein Buch, das geeignet ist, bürgerliche Freiheit, moralischen, intellektuellen und ästhetischen Mut zu fördern und dem verantwortungsvollen Gegenwartbewusstsein wichtige Impulse zu geben.

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Ansprache von Christian Ude

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

in diesem November 2006 war in München schon viel die Rede davon und das mit Recht, dass das Judentum in dieser Stadt wieder eine Zukunft hat, Aufmerksamkeit gewinnt, Akzeptanz gewinnt, auf Interesse stößt, und dass Jüdinnen und Juden, die hier bislang im Bewusstsein lebten, nur auf der Durchreise zu sein, jetzt wirklich die Koffer, auf denen sie gelebt haben, symbolisch auspacken und in ihrer vielleicht sogar alten, auf jeden Fall neuen Heimatstadt Wurzeln schlagen. Wenn jemand geglaubt oder gehofft haben sollte, dass jetzt „endlich“ ein Schlussstrich gezogen werden könne oder sich gleichsam von alleine ergebe, dann möge diese 27. Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises zeigen, dass davon überhaupt keine Rede sein kann.

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Laudatio von Peter Hamm

DIE BERUFUNG ZUM SCHMERZ oder
VON SCHMERZ UND SCHAM EIN MENSCH ZU SEIN

„Man schämt sich inzwischen, Mensch zu sein. Das immerhin noch: Scham.“
(Peter Handke, „Spuren der Verirrten“)

Am 11. Juni 1942 notiert in Dresden Viktor Klemperer in sein Tagebuch: „Jeden Tag fühlen wir uns schlimmer gehetzt und dem Tod näher. Wir glaubten vorgestern, die Lage sei unüberbietbar schlimm, sie ist seit gestern hundertmal schlimmer. Sie wird morgen wieder noch schlimmer als heute sein.“

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Dankesrede von Michele Hechter

Ladies and Gentlemen,

I am deeply touched to be able to thank you in person for the reward attributed to my uncle’s Diary - this on behalf of my sister, Dominique, who is among us, of my cousin Miky Sebastian and her mother Bea Sebastian (Mihai’s sister -in -law) both of whom, unfortunately, could not attend tonight.

Neither my sister and my cousin, nor I, ever knew our uncle Mihai, who died before our births. That is why, when we learned that you had selected Sebastian’s Diary for the very prestigious Geschwister-Scholl-Preis, our first thought went out to his siblings; our fathers, Pierre (Poldy, as his brother Mihai used to call him) and Béno, who both died without ever imagining that such an honor might be bestowed on them: their satisfaction and pride would have been immeasurable.

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Dankesrede von Edward Kanterian

Bist du Jude?Es geschah im Frühherbst 1991, zwei Jahre nach meinem Abitur in München, zwei Jahre nach dem Fall von Ceausescu und dem Kommunismus in Rumänien. Es war nun leicht, meine alte Heimat, die ich mit meiner Familie 1981 verlassen hatte, wieder zu besuchen. Ich war gerade bei meiner Großmutter in Tîrgu-Jiu, der Stadt von Constantin Brancusi, und saß im Nachbarsgarten zusammen mit einigen gleichaltrigen Rumänen, einige von ihnen Freunde aus der Kindheit. Wir tranken Federweißer und die Stimmung war ausgelassen.

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