Preisträger 2010

Joachim Gauck | Winter im Sommer - Frühling im Herbst

Joachim Gauck

Winter im Sommer – Frühling im Herbst

In Zusammenarbeit mit Helga Hirsch

Siedler Verlag
München 2009
ISBN: 978-3-88680-935-6

Autor

Joachim Gauck, geboren am 24. Januar 1940 in Rostock, war von 1990 bis 2000 Bundesbeauftragter für die Unterlagen der Staatssicherheit. Er ist Ehrenvorsitzender des Vereins »Gegen Vergessen – Für Demokratie« und lebt in Berlin. Joachim Gauck verlebte seine Kindheit in einem Dorf an der Ostseeküste. Später studierte er Theologie in Rostock und fand seinen Weg in die Kirche in Mecklenburg. Distanz zum DDR-System prägte seine Tätigkeit von Anfang an. Wie selbstverständlich wurde er Teil einer kritischen Bewegung und schließlich zu einer Symbolfigur im Umbruch von 1989. Nach dem Mauerfall übernahm Gauck politische Verantwortung, er wurde Abgeordneter im ersten freien Parlament der DDR und erster Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. Der Kampf gegen das Vergessen und Verdrängen blieb als Redner und Kommentator sein großes Thema, auch als er nach zehn Jahren aus dem Amt ausschied.

Begründung der Jury

Der Geschwister-Scholl-Preis wird Joachim Gauck für sein Buch Winter im Sommer - Frühling im Herbst verliehen. Es ist die Autobiografie eines Mannes, der wie wenige andere über seine Opposition zur DDR-Führung und die Aufarbeitung des DDR-Unrechts identifiziert wird. Der Theologe Gauck war erster Bundesbeauftragter für die Unterlagen der Staatssicherheit. Im Juni 2010 wurde Joachim Gauck überraschend zum Kandidaten für das Bundespräsidentenamt vorgeschlagen, er stellte sich zur Wahl, unterlag, seine Kandidatur aber hat eine Debatte ausgelöst, die auf ungewöhnlich deutliche Weise politische Sehnsüchte und Verwerfungen im Lande offen legte.

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Verleihung

Der Geschwister-Scholl-Preis wurde am 29. November 2010 in der Großen Aula der Ludwig-Maximilian-Universität in München an Joachim Gauck verliehen. Oberbürgermeister Christian Ude und Wolf Dieter Eggert, Vorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels - Landesverband Bayern e.V., überreichten als Stellvertreter der Stifter die Urkunde. Laudator war Peter Schneider. Die Verleihung wurde von LovelyBooks aufgezeichnet.

Ansprache von Wolf Dieter Eggert

Magnifizenz,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrter Herr Joachim Gauck,
sehr geehrter Herr Schneider,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
im Saale und aus der Jury,

seinem Dichterkollegen Walter Mehring schrieb Kurt Tucholsky 1932 folgende Widmung in den Satireband „Lerne lachen ohne zu weinen“: „Was ist der Unterschied zwischen Mussolini, Stalin u. Hitler? Ja wer das wüßte!“ Im selben Jahr schrieb Tucholsky „Weder eine Schulbehörde noch sonst eine Behörde hat das Recht, für Deutschland zu sprechen.

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Ansprache von Christian Ude

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

der Geschwister-Scholl-Preis wird heute zum 31. Mal verliehen, zum 23. Mal hier in der Aula der Universität und ich muss sagen, so viel Unzufriedenheit habe ich, der ich schon 20 Mal teilnehmen durfte, noch nie erlebt. Wer das nicht glaubt, hätte sich vor den Türen aufhalten müssen, als erstmals massenweise Publikum zurückgeschickt werden musste, weil man für viele keinen Platz mehr hier in der großen Aula finden konnte. Damit hat sich jetzt hoffentlich auch Ihre Schrecksekunde gelegt.

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Laudatio von Peter Schneider

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Ude,

verehrte Angehörige und Überlebende der Weißen Rose,

lieber Joachim Gauck,

meine Damen und Herren!

Ich betrachte es als ein Privileg, an dieser Stelle Joachim Gauck, den Preisträger des Geschwister-Scholl-Preises des Jahres 2010, zu loben und zu würdigen. Dieser Preis ist einer der schönsten und ehrenvollsten Preise, den diese Republik zu vergeben hat, und Joachim Gauck ist ein Mann, der das Gewicht dieses Preises mit Würde, ja mit einer gewissen Lässigkeit tragen kann – man muss nicht lange überlegen, was er mit diesem Preis zu tun hat. Die Geschwister Scholl und ihre Mitstreiter stehen für eine Tugend, die in der Geschichte unseres Landes öfter beschworen als bewiesen worden ist. Er steht für die Verteidigung der Freiheit, wenn die Freiheit in Gefahr oder bereits abgeschafft ist, er steht für geistige Unabhängigkeit und für den Mut, an dem Anspruch auf die Freiheits- und Bürgerrechte festzuhalten – auch dann, wenn die Einlösung dieser Rechte aussichtslos erscheint.

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Dankesrede von Joachim Gauck

Sehr verehrte liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

diese Dankesrede ist nicht einfach für mich. Bei uns im Norden sagt man dazu: „Wat to veel is, is to veel“.

Lieber Peter Schneider, liebe Jury, lieber Herr Oberbürgermeister, lieber Herr Eggert, alle Sie, die Sie mir einen so festlichen Empfang hier bereitet haben,

das ist ein München, wie es leuchtet, wie ein Größerer gesagt hat. Dass Bürger dies immer wieder erfahren können, hängt auch mit der Freiheit und Liberalität zusammen, die in dieser Stadt geliebt werden. Und dass ich hier zum zweiten Mal sein kann, nun um einen Preis mit einem so wunderbaren Namen zu bekommen, das rührt mich sehr, es beschämt mich auch.

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