Ines Geipel, geboren 1960, floh nach ihrem Germanistik-Studium 1989 von Jena aus nach Darmstadt und studierte dort Philosophie und Soziologie. Das zentrale Thema ihrer Arbeit als Autorin und Herausgeberin ist die Geschichte des Nationalsozialismus und der DDR-Diktatur. Von 2001 bis 2025 war Ines Geipel Professorin für Verskunst an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch«. Sie erhielt zahlreiche Preise, unter anderem erhielt sie das Bundesverdienstkreuz am Bande (2011), den Lessingpreis für Kritik (2020), den Marieluise-Fleißer-Preis (2021) und den Erich-Loest-Preis (2023).





Preisträgerin 2026

Ines Geipel
Landschaft ohne Zeugen
Buchenwald und der Riss der Erinnerung
S. Fischer
ISBN 978-3-10-397736-3
Autorin

Begründung der Jury
Buchenwald ist ein historischer Ort und ein politischer Erinnerungsraum. In ‚Landschaft ohne Zeugen. Buchenwald und der Riss der Erinnerung‘ untersucht Ines Geipel, wie sich über die Geschichte des Lagers Deutungen gelegt haben, die bis heute bestimmen, was sichtbar wird, was erinnert werden kann und was aus dem Gedächtnis verschwindet.
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Im Zentrum steht das antifaschistische Gründungsnarrativ der DDR. Ines Geipel rekonstruiert, wie widersprüchliche Erfahrungen in eine politisch brauchbare Geschichte überführt wurden, wie sich das Bild des Widerstands verfestigte und wie andere Opfergeschichten und unbequeme Zeugnisse darin ihren Ort verloren. Das Buch gewinnt seine Überzeugungskraft aus der Nähe zum Material. Archive, Dokumente und Biografien öffnen einen Blick auf jene Brüche, die politische Erinnerungserzählungen geschlossen erscheinen lassen.
Dabei bleibt Ines Geipels Untersuchung nicht bei der DDR stehen. Auch westdeutsche und gegenwärtige Formen des Gedenkens geraten dort in den Blick, wo ihre eigenen Voraussetzungen selbstverständlich zu werden drohen. Erinnerung erscheint bei Ines Geipel deshalb nie als gesicherter moralischer Besitz. Sie ist selbst Teil gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Wer sprechen darf, wessen Zeugnis Autorität erhält und welche Erfahrungen in den vertrauten Kategorien von Opfer, Täter und Widerstand keinen Platz finden, gehört zu den Fragen, die dieses Buch offenhält.
Damit reicht „Landschaft ohne Zeugen“ unmittelbar in unsere Gegenwart hinein. Historische Deutungen verbleiben nicht im Archiv; sie wirken in politische Sprache und gesellschaftliche Selbstbilder hinein. Ines Geipel zeigt, wie lange Diktaturerfahrungen und staatlich gelenkte Formen des Erinnerns nachwirken. Am Beispiel Ostdeutschlands wird sichtbar, wie solche Kontinuitäten die Gegenwart mitprägen und von autoritären und nationalistischen Kräften für ihre Geschichts- und Gesellschaftsbilder genutzt werden. Darin liegt die besondere aufklärerische Kraft ihres Buches – in einer Zeit, in der erneut darüber gestritten wird, welchen Stellenwert die deutsche Verbrechensgeschichte für das Selbstverständnis dieses Landes haben soll. Wo Geschichte stärker als Ressource positiver nationaler Identität in Anspruch genommen wird, verändern sich auch die Maßstäbe des Erinnerns. Zugleich verschwinden die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Was künftig erinnert werden kann, hängt immer stärker von Institutionen, Sprache und kulturellen Formen der Überlieferung ab.
An diesem Punkt berührt Ines Geipels Buch einen Grundgedanken des Geschwister-Scholl-Preises: Geistige Unabhängigkeit beginnt mit der Bereitschaft, auch jene Gewissheiten zu prüfen, die längst als selbstverständlich gelten. Dazu gehört, Widersprüche stehenzulassen und das eigene Urteil nicht an kollektive Selbstbilder abzugeben. Ines Geipels Buch tut genau dies mit der Erinnerung selbst. Es fragt nach ihrer Entstehung, ihren Leerstellen und den Interessen, die sich in ihr sedimentieren.
Der Geschwister-Scholl-Preis erinnert an den Mut, sich einer herrschenden Sprache und ihren Gewissheiten zu widersetzen. ‚Landschaft ohne Zeugen‘ führt diesen Impuls in das Feld des historischen Gedächtnisses. Denn auch Erinnerung verliert ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie sich der Kritik entzieht. Gerade dort, wo sie gesellschaftliche Orientierung geben soll, muss offenbleiben, wie sie zustande kommt, wen sie einschließt und was sie ausblendet. Dass darüber heute wieder mit politischer Vehemenz gestritten wird, macht Ines Geipels Buch zu einer Intervention in einem Konflikt, der weit über Buchenwald hinausreicht.
Für diese Verbindung von historischer Genauigkeit, geistiger Unabhängigkeit und verantwortlichem Urteil wird Ines Geipel für ‚Landschaft ohne Zeugen‘ mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet.
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